Wildbienen
Keine Biene ohne Imker
Es gibt kein Leben ohne Bienen, doch die Insekten werden immer weniger
Das dramatische Bienensterben des vergangenen Winters war alarmierend. Denn die Biene ist für die Bestäubung unersetzlich. Dem Imker kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.
20 Prozent der Schweizer Bienenvölker hatten den vergangenen Winter nicht überlebt. «Diese hohe Sterberate ist äusserst bedenklich», sagt Peter Gallmann, Leiter des Zentrums für Bienenforschung Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux ALP in Bern. Bereits seit 1995 beobachten die Forscher einen allmählichen Rückgang der Bienenpopulation, aber noch nie in dieser Grössenordnung.
Das Bienensterben ist ein weltweites Phänomen. Bereits im Winter 2006/2007 trat in den USA ein Massensterben auf, das fast 80 Prozent der Bienenvölker vernichtete – und eine Bestäubungskrise in der Hälfte aller Bundesstaaten auslöste.
Kein Leben ohne Biene
Noch ist in der Schweiz keine Bestäubungskrise zu befürchten. «Das hängt damit zusammen, dass die Bienenstöcke in den einzelnen Landesteilen ausreichend gut verteilt sind», sagt Gallmann. Die Gefahr der Ansteckung eines Bienenvolkes durch die verdächtige Varroamilbe ist dadurch weniger gross als in den USA, wo Monokulturen herrschen. Aber auch hierzulande ist zum Schutz der Bienen keine Zeit mehr zu verlieren. «Denn ein Drittel unserer Nahrung hängt vorwiegend von der Bestäubung durch die Biene ab», sagt Gallmann. Die Biene spiele eine Schlüsselrolle im landwirtschaftlichen Ökosystem, deren Wert schwer zu schätzen sei.
Wichtige Bestäuber
Bienen produzieren nicht nur den goldenen Nektar, Blütenpollen, und Gelée Royal im Wert von jährlich 70 Millionen Franken. Sondern die Insekten bestäuben auch Obst und Beerenkulturen. Nach einer Studie der ETH entspricht das einem Wert von etwa 300 Millionen Franken. Die Samenproduktion für den Futter- und Gemüsebau, zum Beispiel für Raps, ist darin noch nicht enthalten. Auch der Bestäubungswert, den die Bienen für Wildpflanzen haben, lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. «Wenn eine Pflanze ausstirbt, weil sie nicht bestäubt wird, bringen sie auch Tiere in Bedrängnis, die wiederum diese Pflanze auf dem Speiseplan haben», weiss Gallmann. Die Biodiversität ist also zum Grossteil von der Biene abhängig.
Für den Bienenbestand trägt der Imker die Verantwortung. «Seit dem Erscheinen der Varroamilbe 1984 können die Bienen ohne die Pflege eines Imkers nicht mehr überleben», sagt Richard Wyss, Präsident des Schweizerischen Imkerverbands. Bienenstöcke müssten – im Gegensatz zu früher – viel intensiver gepflegt werden, sonst bestünde die Gefahr, dass sie durch Parasitenbefall infolge der Varroamilbe zusammenbrechen. «Die Bienen der absterbenden Völker versuchen sich bei anderen Völkern einzunisten und können so eine ganze Gegend verseuchen», sagt Richard Wyss, Präsident des Schweizerischen Imkerverbands. Viele Hobbyimker sind frustriert, wenn ihnen die Bienenvölker sterben, und geben auf.
Vor der Varroamilbe hingegen war die Imkerei ein Selbstläufer, sie wurde häufig von den Bauern nebenher betrieben – das aber rentiert längst nicht mehr. Laut Wyss trug auch dieser Strukturwandel dazu bei, dass die Zahl der Hobbyimker im vergangenen Jahrzehnt ständig zurückging. Ausserdem wurde die Imkerei aufgrund der mit dem Lebensmittelrecht und den heutigen Vorstellungen von Lebensmittelhygiene verbundenen Auflagen arbeitsintensiver. Die Imkerei steht vor neuen Aufgaben. Das zeigte auch der Feuerbrand im vergangenen Jahr. «Weil es in der Schweiz kein zentrales Betriebsregister gibt, wussten wir beim Einsatz von Streptomycin gegen Feuerbrand nicht einmal, wo die einzelnen Imker sitzen», erklärt Wyss. Dem Notstand in der Bienenzüchtung soll nun auf breiter Front Einhalt geboten werden.
Professionalisierung
Eine Arbeitsgruppe des Bundesamtes für Landwirtschaft legte einen Massnahmenkatalog zur Förderung der Bienenzucht vor. Der schlägt neben zusätzlichen Mitteln für die Bienenforschung auch eine Neustrukturierung der Imkerorganisationen vor. «Nur wenn es eine gesamtschweizerische Vernetzung der Imker gibt, kann der Bund die Bienenzucht unterstützen. Aber wir wollen keine Subventionen wie in der Landwirtschaft», sagt Wyss. Die Geldmittel sollen gezielt in den Aufbau von professionellen Strukturen, in die Königinnenzucht, die Verbesserung der Weiterbildung für Imker sowie einen nationalen Bienengesundheitsdienst fliessen.
Stichwort
Bienensterben
Von 1984, als die Varroamilbe zum erstenmal auftauchte, bis heute, hat sich der Bestand der Bienenvölker in der Deutschschweiz von 240 000 auf 113 000 verringert. Für die übrige Schweiz gibt es keine Erhebungen, aber die Forschung geht von vergleichbaren Zahlen aus. Die Varroamilbe gilt als Hauptverdächtige. Sie soll Milben, Viren und andere Krankheitserreger übertragen und dadurch die Zunahme und Ausbreitung anderer Bienenkrankheiten begünstigen. Ein Massensterben trat in den USA im Winter 2006/ 2007 auf. Infolgedessen entstand für das noch ungeklärte, weltweite Phänomen die Bezeichnung Colony Collapse Disorder. Was genau das Bienensterben verursacht, kann die Forschung noch nicht beantworten. Neben der Varroamilbe wird auch der Einsatz von Insektiziden als Ursache genannt. Die internationale Fachwelt geht davon aus, dass das Bienensterben nicht auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen ist, sondern ein Zusammenspiel aus mehreren Belastungen. Dazu gehört auch die Klimaerwärmung.